Hitze belastet das Herz: Warum wir beim Hitzeschutz nicht nachlassen dürfen
Ein Standpunkt von ImPuls. Think Tank Herz-Kreislauf e.V.
Die Wochen um die Sommersonnenwende haben es in diesem Jahr wieder in sich gehabt. Wer in Kalenderwoche 26 in Deutschland unterwegs war, hat es am eigenen Leib gespürt: drückende Luft, tropische Nächte, kaum Abkühlung. Was sich anfühlt wie eine Belastung, lässt sich inzwischen auch in Zahlen fassen – und diese Zahlen sollten uns als Gesellschaft wachrütteln, gerade mit Blick auf das Herz-Kreislauf-System.
Was die aktuellen Daten zeigen
Der jüngste Wochenbericht des Robert Koch-Instituts zur hitzebedingten Mortalität, Stand Kalenderwoche 26/2026 (22. bis 28. Juni 2026), zeichnet ein eindeutiges Bild. Die bundesweite Wochenmitteltemperatur lag in dieser Woche bei 26,4 Grad Celsius – deutlich über der Schwelle von etwa 20 Grad, ab der ein hitzebedingter Anstieg der Gesamtmortalität sichtbar wird. In 16 von 16 Bundesländern wurde in dieser Woche eine mittlere Temperatur über 20 Grad gemessen.
Kumuliert bis zur Kalenderwoche 26 schätzt das RKI rund 5.120 hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland in diesem Sommer – mit einem Unsicherheitsbereich von etwa 4.410 bis 5.850 Fällen. Besonders bemerkenswert für uns als Think Tank für Herz-Kreislauf-Gesundheit: Der weit überwiegende Teil dieser Todesfälle entfällt auf ältere Menschen. Allein in der Altersgruppe 85 Jahre und älter werden rund 2.950 hitzebedingte Sterbefälle geschätzt, das entspricht mehr als 91 Fällen pro 100.000 Einwohner in dieser Altersgruppe. Zum Vergleich: Bei den unter 65-Jährigen liegt dieser Wert bei nur 0,5 pro 100.000. Auch wenn absolut mehr Frauen als Männer betroffen sind, liegt das schlicht am höheren Frauenanteil in den ältesten Altersgruppen – bezogen auf die Bevölkerung sterben Männer in praktisch allen Altersgruppen sogar etwas häufiger hitzebedingt als Frauen.
Diese Zahlen bestätigen, was in der kardiologischen Fachwelt seit Langem bekannt ist: Hitze ist selten die alleinige Todesursache auf dem Totenschein, aber sie ist ein Brandbeschleuniger für bereits bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer ein vorgeschädigtes Herz hat, gerät bei extremer Wärmebelastung schneller in eine gefährliche Kreislaufdekompensation. Der Körper versucht, überschüssige Wärme über eine erweiterte Hautdurchblutung abzugeben – das Herz muss dafür mehr leisten, gleichzeitig sinkt durch Schwitzen das Blutvolumen. Für ein gesundes Herz ist das eine Herausforderung, für ein vorerkranktes Herz kann es zur Überlastung werden.
Die Bevölkerung spürt es längst – und fühlt sich nicht ausreichend geschützt
Dass diese Belastung längst im Alltag der Menschen angekommen ist, zeigt der aktuelle DAK-Hitzereport 2026. Die repräsentative Forsa-Befragung im Auftrag der DAK-Gesundheit kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Inzwischen berichtet fast jede und jeder Dritte in Deutschland über gesundheitliche Beschwerden durch hohe Temperaturen. Frauen sind davon mit rund 40 Prozent fast doppelt so häufig betroffen wie Männer mit rund 21 Prozent – ein interessanter Kontrast zu den nüchternen Mortalitätsdaten des RKI, der zeigt, dass subjektiv empfundene Beschwerden und objektiv gemessene Sterblichkeit unterschiedliche Muster zeigen können.
Unter den genannten Symptomen finden sich neben Abgeschlagenheit und Schlafproblemen ausdrücklich auch Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen – klassische Vorboten einer Hitzebelastung des Herz-Kreislauf-Systems, die oft unterschätzt werden, bevor sie in ernsthaftere Komplikationen münden. Besonders betroffen sind laut Report Menschen im Alter von 30 bis 44 Jahren, Bewohnerinnen und Bewohner von Großstädten sowie Beschäftigte in körperlich schwerer Arbeit und im Pflegebereich. Bemerkenswert und aus unserer Sicht alarmierend: Drei Viertel der Befragten halten die derzeitigen Hitzeschutzmaßnahmen für nicht ausreichend.
Unsere Einordnung als Think Tank Herz-Kreislauf
Für den ImPuls. Think Tank ergibt sich aus beiden Berichten eine klare Botschaft: Hitzeschutz ist Herzschutz – und er ist noch nicht dort, wo er sein müsste, weder auf individueller noch auf struktureller Ebene.
Erstens brauchen Risikogruppen einen gezielteren Schutz. Die RKI-Daten zeigen, dass sich die Sterblichkeit fast ausschließlich in den höheren Altersgruppen konzentriert. Pflegebedürftige, alleinlebende Seniorinnen und Senioren sowie Menschen mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen benötigen in Hitzeperioden aktive Ansprache: Wer kontrolliert an heißen Tagen den Flüssigkeitshaushalt, wer prüft die Medikation von blutdrucksenkenden Mitteln oder Diuretika, deren Wirkung sich bei Hitze verändern kann?
Zweitens braucht es bessere Aufklärung über Frühwarnzeichen. Kreislaufbeschwerden, wie sie fast ein Drittel der Bevölkerung laut DAK-Hitzereport bereits erlebt hat, sind kein harmloses Sommerphänomen, sondern ein Signal, das ernst genommen werden sollte – insbesondere von Menschen mit bekannten Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen.
Drittens teilen wir die Einschätzung der Befragten aus dem DAK-Hitzereport, dass die bestehenden Hitzeschutzmaßnahmen ausbaufähig sind. Hitzeaktionspläne auf kommunaler Ebene, verlässliche Hitzewarnsysteme und niedrigschwellige Informationsangebote für vulnerable Gruppen sind Instrumente, die vielerorts noch nicht flächendeckend etabliert sind.
Die Zahlen aus Kalenderwoche 26/2026 sind keine Randnotiz des Sommers. Sie sind ein wiederkehrender Weckruf – und angesichts der Zunahme heißer Sommer in den vergangenen Jahren wird er lauter, nicht leiser. Als Think Tank für Herz-Kreislauf-Gesundheit werden wir das Thema Hitze deshalb auch in den kommenden Monaten auf der Agenda halten.
Quellen: Robert Koch-Institut – Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, Stand Kalenderwoche 26/2026 (22.06.–28.06.2026), veröffentlicht am 09.07.2026, DOI: 10.25646/14292;
DAK-Gesundheit – DAK-Hitzereport 2026: Gesundheitsverhalten bei extremer Hitze, repräsentative Forsa-Befragung.
